v. koslowski
Ich bin in einem politischen Dilemma.
Viel lieber würde ich an der Diskussion der Community über die politische Theorie einer aufgeklärten und zukunftsfähigen Linken teilnehmen, über die Gewaltbereitschaft von Konkurrenzgesellschaften nachdenken oder die rätselhaften Erzählungen von Caitlin dechiffrieren
Aber die Sache mit Arminia fordert eine Entscheidung.
Mein Schwiegersohn H.-P. will wissen, ob ich ihn heute Nachmittag zu einer Demonstration auf dem Rathausplatz begleite, die den Rat der Stadt auffordern will, für einen Kredit der Stadt in Höhe von 5,2 Millionen Euro an Arminia Bielefeld zu stimmen.
Gestern Nachmittag hatte mich meine Enkelin C. angerufen ( 5 Jahre alt! ), um mir zu sagen, wie „toll“ es vor ein paar Wochen auf der „Alm“ gewesen sei und dass es doch schade wäre, wenn wir so was Schönes nicht mehr machen könnten.
Gestern Abend hatte mein alter Kumpel N., mit dem ich mich einmal im Monat zu Tischfußball und Bierchen in der „Zwiebel“ treffe, mir erklärt, dass der Kredit aus den Steuermitteln der überschuldeten Stadt notwendig sei, weil Arminia für die Region „systemrelevant“ sei, dass Linke einen Fehler machten, wenn sie glaubten, gerade dort auf Haushaltsdisziplin bestehen zu müssen, wo auch mal die kleinen Leute von einer großzügigen Interpretation der Wirtschaftstheorie von Keynes profitieren könnten. Und außerdem werde die Verweigerung des Kredits, die Verweigerung der Lizenz durch den DFB und die Insolvenz des Vereins dazu führen, dass noch mehr Leute die Existenz Bielefelds für eher unwahrscheinlich hielten.
Heute Morgen am Frühstückstisch bei der Lektüre der Lokalzeitung sagte meine Ehefrau: „Die SPD spinnt doch, wenn sie wirklich für den Kredit stimmen will. Alle anderen Parteien sind vernünftig, selbst deine neuen Freunde von der LINKEN.“ Ich hatte die Ironie in ihrer Stimme natürlich wahrgenommen, aber die Sache nicht weiter kommentiert, denn ich brauchte noch Zeit zum Nachdenken.
Also:
Ich bin Fan seit 1973 und bin es in guten und in schlechten Zeiten geblieben, bis 2005 auf der Südtribüne (Stehplatz ), seitdem Westtribüne (Sitzplatz ). Während die Beziehung zu meiner Frau und den Kindern immer wieder mal kriselte, meine Beziehung zur SPD sogar in die Brüche ging (1999), war meine Beziehung zu Arminia trotz ihrer Abstiege, ihres Rumpelfußballs und ihrer schlechten Trainer und Präsidenten immer intakt. Fan von Arminia zu sein, war immer ein Ausdruck von Masochismus, aber eine gute Einübung in den Klassenkampf ( "Scheiß Bayern!“ ) und ein gutes Training, die Niederlagen des Lebens in Würde zu ertragen. Ein Leben ohne eine zumindest zweitklassige Arminia wäre möglich, aber irgendwie etwas weniger sinnvoll.
Aber ich bin auch links und finde es skandalös, dass der Steuerzahler nun ( zusammen mit Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft ) ein insolventes Unternehmen finanzieren soll, das seinen Untergang selbst verschuldet hat. Dass ausgerechnet die Sozialdemokraten, für die ich seit der NRW-Wahl wieder Sympathien entwickelte, für die Sozialisierung der Verluste plädieren, empört mich – reiner Populismus! Selbst CDU und FDP vertreten da einen klaren Standpunkt.
Die Demo auf dem Rathausplatz beginnt um 16:00 Uhr. Der Schwiegersohn H.-P. kommt um 15:30 Uhr vorbei, um mich abzuholen. Ich habe noch zwei Stunden Zeit, mich zu entscheiden. Das Leben kann fies sein.
Besser, ich wende mich erst einmal wieder der Diskussion in der Community zu: „Was ist heute links?“